NINo Interview

Date March 9, 2005 | Map

Um ein vollwertiges Mitglied der arbeitenden Bevölkerung in London zu werden, sollte man eine National Insurance Number (NINo) haben. Ansonsten könnte man in Gefahr geraten, zuviele Steuern zu zahlen, und das will ja keiner. Nun, der Staat vielleicht, aber ich will es garantiert nicht.

Da ich mich ja ansonsten nirgends offiziell registrieren brauchte (außer beim Arzt, was ich aber noch aufschob) , wollte ich wenigstens das schnell hinter mich bringen. Allerdings war das gar nicht mal so einfach, wie es schien. Eigentlich dachte ich, ich wäre gut mit Informationen versogt, was alles zu tun ist oder wohin man sich melden sollte, aber in der Praxis sieht es doch etwas anders aus: Widersprüchliche Informationen überall.

Ein Gerücht besagte, dass der Arbeitgeber sich manchmal um die echte NINo kümmert. Unsere Human Resources Abteilung war davon aber äußerst überrascht. Also schaute ich im Internet nach, wohin ich mich wenden sollte. Ich suchte nach Stellen in der Nähe meines Wohnorts und meines Arbeitsorts. Bei letzterem war ein Jobcentre angeblich ganz in der Nähe, also ging ich mal kurz dorthin, um festzustellen, dass man gar nicht ins Gebäude reinkam. War auch kein echtes Jobcentre, sondern eher eine Verwaltungszentrale. Was ja ein Jobcentre eigentlich irgendwie auch ist.

Jeder kann sich selbt davon überzeugen, dass zwar die FAQ-Sektion zum Beantragen der NINo ganz ok ist, aber die Suche nach dem zuständigen Jobcentre geht nicht ganz so geradeaus, wie ich an meiner ersten Pleite sah. Also versuchte ich mein Glück mit einem Jobcentre in der Nähe meines Wohnorts. Deprimierende Atmosphäre wie beim deutschen Arbeitsamt. Und ich bekam das Gefühl, dass ein NINo-Antrag nicht ganz so alltäglich sein musste, denn das ging dort nicht. Ahnung schienen die auch nicht zu haben, also steckten sie mir eine Telefonnummer von einem etwas größeren Jobcentre im gleichen Bezirk zu. Na super.

Die Nummer war natürlich erst einmal besetzt. Das heißt, nicht nur einmal, sondern eigentlich immer. Irgendwann kam ich aber doch durch und wurde überrascht: Zunächst konnte ich dort auch keinen NINo-Antrag bekommen, aber der Mitarbeiter war unheimlich freundlich und hilfsbereit. Und viel besser, auch noch kompetent! So kompetent, dass er mir zehn(!) Telefonnummern gab, die mir alle helfen können würden. Wie ich später erfuhr, waren das die Telefonnummern fast sämtlicher NINo-Interviewer, die alle im gleichen Großraumbüro saßen. Der freundliche Herr gab mir aber auch eine Email-Adresse, die ich nutzte, als bei drei der Telefonnummern nie jemand abnahm.

Und plötzlich war alles ganz einfach: Per Email kam ein Antrags-PDF zurück, das ich auch elektronisch zurückschicken durfte. Und kurze Zeit später wurde ich ebenso elektronisch zum Interview eingeladen: Am 10. März um 15:25 Uhr. Keine Minute später! Die Email-Adresse veröffentliche ich hier nicht, denn die soll nach neuestem Stand nicht mehr funktionieren…viel Glück an alle, die hier noch durch müssen.

Jedenfalls stieg ich am 10. März schon um 14:45 in Dalston Kingsland aus. Nicht so eine dolle Gegend, in der man sich gerne länger aufhalten möchte. Ich schaute mir die Gegend trotzdem noch ein wenig an, um etwas Zeit totzuschlagen. Schien sehr türkisch dominiert zu sein, aber irgendwie anders als in Deutschland: Ältere bemützte Männer standen friedlich auf der Straße und unterhielten sich, in einer Milch- und Saftbar saßen ganze Familien und spielten irgendetwas, und überhaupt wirkte die Atmosphäre sehr entspannt.

Am Jobcentre sollte ich nicht den Haupteingang nehmen. NINo-Interviewees mussten durch eine unscheinbare Hintertür ins Gebäude, hoch in den zweiten Stock und im Wartezimmer Platz nehmen. War ganz schön voll, da würde ich sicher warten müssen. Zu meiner Überraschung aber nicht sehr lange: Zwar konnten sie den 15:25-Uhr-Termin nicht einhalten, aber schon um 15:40 Uhr saß ich in dem Großraumbüro, für das ich die Telefonnumern sämtlicher Schreibtische besaß.

Was habe ich für Horrorstories gehört, wie genau die Sachbearbeiter sind: Wenn Dokumentation fehlt oder irgendwelche Zweifel bestehen, würde es nicht so einfach mit der NINo. Von wegen! Zwar war der Antrag sehr, sehr lang, was entsprechend viele Fragen zur Folge hatte, aber ich war dokumentationstechnisch ausreichend vorbereitet, und die Fragen waren allesamt unproblematisch. Nur bei vorherigen Aufenthalten im Königreich war mein Erinnerungsvermögen nicht ganz so frisch. Machte aber auch nix, weil Tourismus nicht wirklich von Belang war.

Nach nur etwa einer halben Stunde war ich wieder draußen. Jetzt wurde mein Antrag also nach Glasgow geschickt, und innerhalb von ein paar Wochen würde ich ein weiteres kleines Kärtchen mit meiner lebenslangen NINo bekommen. Und dann würde von meinem derzeit mickrigen Gehalt – ich arbeitete nur 50% Teilzeit – hoffentlich etwas mehr Geld zum überleben übrig bleiben. Was ich damals noch nicht wusste: Ich musste sogar fünf Pfund mehr Steuern zahlen. Mist.



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