Friday Night is Music Night

Date February 27, 2007 | Map

Mit dem BBC Audience Service bin ich bisher immer gut gefahren: Kostenlose Tickets für Radio- und Fernsehaufzeichnungen, von Comedy über Talkshows bis hin zu Konzerten. Auch für heute hatte ich zwei Karten, konnte allerdings niemanden finden, der mitwollte, also ging ich alleine zur Institution schlechthin: Friday Night is Music Night ist die am längsten laufende Live-Musik-Radio-Show der Welt. Das BBC Concert Orchestra spielt ein Sammelsurium an “classical, light, film and theatre music”, und man weiß nie, was einen erwartet, denn die Playlist wird bis zur Aufführung geheim gehalten.

Show Ticket

Show Ticket

Die Show heute wurde zwar nicht live ausgestrahlt, aber live am Stück eingespielt. Heute war sogar eine halbwegs besondere Aufzeichnung, nämlich die für Karfreitag, 7. April 2007. Presenter Aled Jones leitete den Abend in der wunderbaren Hallenatmosphäre der ehemaligen Kirche LSO St Luke’s Old Street. Und ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Natürlich hatte ich noch nie diese Show gehört, und irgendwie klang alles ziemlich bieder.

Aber so schlimm würde es schon nicht werden, oder?

Nun, das hängt alles davon ab, wie man “schlimm” definiert. Ich hatte ja schon arge Bedenken, als ich plötzlich die Reisebusse in der Old Street sah, die massenhaft Rentnergeschwader auf die Straße warfen. Wollten die alle zum Konzert? Ja, sie wollten. Und sie waren ziemlich aufgeregt. Anscheinend war diese Show hauptsächlich in den ziemlich hohen Altersgruppen beliebt – das merkte ich dann auch beim Eingang, als die recht junge Kartenfrau mich äußerst freundlich mit einem bedeutungsschwangeren Lächeln empfing. Wahrscheinlich hatte sie keinen Vertreter meiner Altersklasse erwartet.

Tatsächlich drückte ich den Altersschnitt gewaltig, beziehungsweise konnte ich statistisch gesehen am Schnitt nicht mehr viel ändern und war wohl das Streichergebnis des Abends; dementsprechend fiel ich auch auf wie ein bunter Hund und versuchte, mich möglichst unauffällig in eine Ecke zu verziehen. Das war dann, wie sich herausstellen sollte, ein äußerst guter Platz auf dem Balkon, seitlich vom Orchester. Direkter Sound, alles im Blickfeld, nur vom Präsentator sah ich lediglich den Rücken.

St. Luke’s hat etwas Geschichte hinter sich: Erbaut als Kirche 1733 mit einem signifikanten Obelisk als Kirchturm, wurde die Gemeinde 1959 mit St Giles vereint und die Kirche 1964 geschlossen, entweiht, ent-dacht und einem eher traurigen Schicksal hingegeben. Erst vierzig Jahre später wurde St Luke’s zu einer Art Kulturzentrum umgebaut und erstrahlt heute in neuem Glanz: Das London Symphony Orchestra hat hier seit etwa einem Jahr seine Basis und nutzt die Halle als Proberaum, ferner finden hier regelmäßig Konzerte teils weltberühmter Stars statt und es ist auch ein Bildungsbetrieb. Auf jeden Fall ist es ein echt toller Konzertsaal mit sehr guter Akustik, vornehmlich für klassische Musik.

Zurück zum Geschehen: Friday Night is Music Night beginnt und endet mit der gleichnamigen Hymne (zumindest funktional, nicht im Wortsinn) von Williams, und dann führt der Präsentator durch das Programm, das üblicherweise aus ganz, ganz vielen kurzen Stücken besteht, von Auszügen aus längeren Orchesterwerken bis hin zu Popmusik. Aled Jones führte routiniert durch den Abend mit dieser typischen Art von Humor, der bei Familien und der älteren Generation sicher ankommt. Zurücklehnen, genießen, wohlfühlen, wie damals als Kind, als man mit der ganzen Familie eine Unterhaltungsshow im Fernsehen ansah.

Die heutige Playlist war letztlich ebenso angenehm. Ein bisschen Händel, Pachelbel und Bizet, unbekanntere Sachen neuer Künstler, Korsakow, auch mal etwas Jazz und Swing, eine bunte Mischung – und vor der Pause dann Riverdance: Da kamen die Trommler im Frack nach vorne, legten selbigen ab, holten ihr weißes Hemd aus der Hose und drehten energiemäßig auf einmal auf und gingen aktionsmäßig völlig ab! Holla, wo war ich denn hier gelandet? Das Publikum, das ohnehin schon dauerbegeistert war, erreichte plötzlich Rockkonzert-Ekstase – Respekt, meine Damen und Herren!

Genau dies machte den Abend insgesamt für mich zwar nicht weniger bizarr, aber ich fühlte mich rundherum wohl im Wissen, zur Generationenverständigung einen positiven Beitrag geleistet zu haben. Ich bin mir nicht ganz sicher, wann ich das nächste mal zur FNIMN aufschlage, aber konnte überzeugt den traditionellen Abschlusssatz bejahen, der jedes Konzert beendet:

I hope that once again we have proved that Friday Night is Music Night!

Indeed, Aled, you have. In einer Art und Weise, die ich so nicht erwartet hätte.



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