Überraschungen

Date February 26, 2005 | Map

Es gibt freudige Überraschungen und unangenehme. Seltsamerweise scheinen Überraschungen, die mit meiner Wohnung zu tun haben, immer unangenehm zu sein. Das begann mit dem Tropfproblem im Bad, und es umfasste auch den ersten Lösungsversuch. Ich habe unseren Resident Warden natürlich sehr bald auf meine unerwünschte Deckenquelle (zur Erinnerung) angesprochen, und seine Reaktion wirkte zunächst nicht sehr ermutigend. Die Worte „das klingt nicht gut“ klingen einfach nicht ermutigend. Aber er versprach, die Maintenance Company zu verständigen, um das Problem zu beheben. Er würde mir Bescheid geben, wann sie kämen.

In meinen ersten London-Wochen machte ich es mir zur Gewohnheit, gegen halb Zehn als Erster meines Flats die Wohnung zu verlassen und erst gegen neun oder zehn abends zurück zu kommen. Der Warden war meist von zehn bis sechs in seinem Büro. Bestimmt hätte er mir den Termin der Maintenance-Crew ausgerichtet. Wenn er mich gesehen hätte, ganz bestimmt.

Natürlich hat er mich nicht gesehen. Fairerweise muss ich gestehen, dass ich daran eine Mitschuld trage. Und ein Zettel als Hinweis, nein, das wäre doch viel zu unsicher. Und so war ich eines Abends doch etwas überrascht, als ich entdeckte, dass meine Zimmertür zweimal abgeschlossen war. Ich drehe den Schlüssel immer nur einmal rum. Und das Licht war an, auch das im Bad. Und das Bad war, nun, nicht so sauber, wie ich es morgens verlassen hatte. Das soll nicht heißen, dass es spiegelblank geputzt war, aber die Schmutzstreifen waren garantiert noch nicht da – und die Flecken an der Wand und auf der Kloschüssel, war das etwa getrocknetes Blut? Was ist denn hier los, Einbrecher?!?

In der Küche stand mein indischer Mitbewohner, den ich sofort fragte, ob jemand in meinem Zimmer gewesen sei. Er war doch ziemlich überrascht, und eigentlich war auch er erst derjenige, der mich auf potentielle Einbrecher oder Diebe hinwies und mich aufforderte, sofort meinen Pass und Wertsachen zu checken. Keine Panik, es war noch alles da, selbst die Euro-Scheine, die mehr als auffällig offen auf meinem Schreibtisch lagen. Und im Bad gab es ein weiteres Indiz gegen Diebe: Die Wassertropfen tropften nun am anderen Ende des Deckenlüfters. Offensichtlich hatte mir die Maintenance Crew einen Besuch abgestattet. Leider hatten sie nicht nur nichts reparieren können, denn es tropfte ja weiterhin, sondern sie ließen mich auch eine extra Putzschicht absolvieren. Das vermeintliche Blut stellte sich dann auch schnell als normaler Dreck heraus, von dem durchaus eine Menge im Bad verteilt war. Irgendwie wäre ich doch gerne vorgewarnt gewesen.

Aber das war ja nicht die erste Überraschung von unserem Warden, und auch nicht erst die zweite, wenn man die Erstsichtung mitzählt. Die zeitlich zweite war tatsächlich ansatzweise erfreulich: Eines Abends entdeckte ich einen Umschlag, den der Warden unter meiner Tür hindurch geschoben hatte. Der Inhalt war ein neues Schlüsselbund mit Briefkastenschlüssel! Den alten Bund sollte ich ASAP zurückgeben, zur Not unter der Bürotür schieben, wenn ich ihn nicht sehen würde.

Natürlich sah ich ihn nicht. Am nächsten Morgen überprüfte ich zunächst den Briefkasten. Tatsächlich hatte ich zweifach Post von meiner Bank! Leider nicht die heiß erwartete PIN-Nummer, sondern nur die Internet-Banking-Registrierungsbestätigung und eine Umfrage, beides gesendet an die unvollständige Adresse. Sieh an, die Post funktioniert also irgendwie, bestimmt auch Dank des Wardens. Da musste ich ihm doch die Schlüssel baldmöglichst zurück geben!

Die Idee, einen Umschlag unter der Tür hindurch zu schieben, ist ja ganz praktisch, nicht aber, wenn der Umschlag zu dick ist bzw. der Türspalt zu schmal. Geschlagene zehn Minuten würgte ich auf Knien am Türschlitz herum mit dem Ergebnis, nun einen ziemlich zerknitterten Umschlag, der ein Schlüsselbund ohne Briefkastenschlüssel enthielt, in den Händen zu halten. So ein Mist. Da ich dem Warden dummerweise auch nicht einen Tag später begegnete, wagte ich einen zweiten Versuch. Diesmal allerdings trennte ich alle Schlüssel vom Schlüsselring, so dass sich der Ring beim Schiebeversuch nicht querstellen konnte. Mit etwas würgen, pressen und auch ein wenig Kraft verschwand der Umschlag vollständig im Warden-Büro. Nun hatte er auch eine Überraschung, und zwar eine mit Spannung (Ist der Umschlag heute da?), Spiel (Wie bekomme ich die Schlüssel auf den Ring?) und metaphorischer Schokolade (Ein herzliches, schnell gekritzeltes „Thank you“)!

Im Gegensatz zu meiner Wohnung hält mein Arbeitsplatz eine ausgewogene Mischung an angenehmen und unangenehmen Überraschungen bereit. Zu den unangenehmen gehörte sicherlich der Einbruch, auch wenn ich nicht ganz direkt davon betroffen war. Am Abend zuvor, als neben dem ständigen Wachpersonal nur noch die nicht-französische Erschreckerin (lange Geschichte) und ich zugegen waren, installierte sie die Playstation ihres Projekts im Erdgeschoss. Dort, wo der riesengroße Plasmascreen stand. Zur gelegentlichen Ablenkung, wie sie begeistert erzählte. Ich habe noch nie Playstation gespielt, freute mich aber schon darauf, meine ersten Erfahrungen gleich auf einem riesigen Plasma-Screen zu sammeln.

Ich habe immer noch nicht Playstation gespielt, denn mit dem riesigen Plasma-Screen verschwand auch die Playstation noch in der gleichen Nacht. Nun sind Einbrüche leider Ereignisse, die passieren. Dieser Einbruch hingegen bietet durchaus einige Kuriositäten: Zunächst wurde nur ein recht kleines Fenster zertrümmert, ca. 1,5 Meter breit und keine 80 cm hoch. Direkt hinter dem Fenster geht es tief hinunter in den Keller – der etwas erhöhte Fußboden des Erdgeschosses beginnt erst nach einem ca. halben Meter breiten Spalt, den die Einbrecher überwinden mussten. Natürlich ist der Spalt durch ein Geländer gesichert, dass unter der Reling vier gespannte, dicke Sicherungsdrahtkabel aufweist. Sie wurden von den Einbrechern fachgerecht durchtrennt.

Weiterhin bemerkenswert ist, dass der Plasmascreen sauber entkabelt und professionell vom Standfuß abgeschraubt wurde – die Kabel wurden nicht etwa durchschnitten, was wesentlich schneller gegangen wäre. Außerdem war der Rahmen des zerschlagenen Fensters nicht wesentlich breiter als der Plasmascreen. Saubere Arbeit der Einbrecher, das muss man sich eingestehen. Und leider muss man ebenso notieren, dass sowohl Alarmanlage als auch der Nacht-Wachdienst nicht gerade wirkungsvoll operierten. Zugute halten muss man den Einbrechern, dass unser Gebäude in einer recht engen, schlecht einsehbaren Gasse liegt. Aber dies alles sind Umstände, wie sie überall vorkommen können und dies auch sicherlich tun. All dies lässt den Einbruch zwar professionell, aber nicht überdurchschnittlich kurios erscheinen. Die Kuriosität hat einen anderen Grund:

Die nächste Polizeiwache ist in der gleichen Gasse drei Häuser weiter. Keine kleine Polizeiwache, sondern ein vielstöckiges Gebäude mit einer Garage, die einen Fuhrpark von mehreren Mannschaftswagen sowie mindestens einem Dutzend Streifenwagen umfasst. Eine Wache also, die natürlich jeden Tag 24 Stunden rund um die Uhr besetzt ist. Zwar nicht mit direktem Blick auf unser Gebäude, aber im Leuchtkreis des Scheinwerferlichts des Einsatzwagens, wenn er die Garage verlässt. Der Fußweg zwischen Polizeiwache und Büro, jeweils gemessen von beiden Haupteingängen, beträgt bei Spaziergangs-Schritttempo ungefähr 20 Sekunden. Der Mut der Einbrecher, in dieser Umgebung einen solchen Einbruch in ein alarmgesichertes Gebäude durchzuführen, muss mit bitterer Bewunderung quittiert werden.

Eine unangenehme Überraschung, die mich weitaus persönlicher betraf, erfuhr ich gleich am ersten Bürotag: Jedes Stockwerk mit einer kleinen Küchenecke ausgestattet – zwar ohne Kochplatten, aber mit Spüle und Kühlschrank. Die Bewohner des dritten Stocks hatten sogar zusammengelegt, um einen gemeinsamen Kaffeeautomaten plus Wasserkocher anzuschaffen. Die beiden Geräte standen auch schon seit fast einem Jahr dort, und ich freute mich über die Gelegenheit, mir jederzeit einen Tee machen zu können. Leider klebte ein Zettel an der Steckdose mit der Warnung, die Geräte nicht in Betrieb zu nehmen. Denn leider war die Stromversorgung nicht für diese Strommengen geschaffen: Bei jedem Versuch, einen Kaffee zu kochen, flog die Sicherung raus und legte natürlich auch den Kühlschrank lahm. Es ist aber auch abwegig zu glauben, eine Steckdose in einer Küchenecke könnte für Kaffeemaschinen geeignet sein!

Nur einen Tag nach dem Einbruch gab es aber eine äußerst positive Überraschung, die mich wieder zu einem Gelegenheits-Kaffeetrinker rückfallen ließ: Ein Kaffeeautomat im Erdgeschoss, der kostenlosen Kaffee ausspuckte! Oder Espresso, oder Cappucino, oder sogar eine Latte! Oder auch nur heißes Wasser. Mit leckerem Milchschaum! Eine hochmoderne Maschine, die vor allem das Herz derjenigen erwärmen musste, die in ihrer Jugend kleine Dampfmaschinen zusammen bastelten: Nach Druck auf einen Knopf mahlte der Automat nämlich zunächst mit Ohren betäubenden Krach die Menge Pulver, die nötig war, und dann zischte das Ding mit einer gehörigen, puffenden Nebelwolke zunächst Milchschaum in die hoffentlich richtig platzierte Tasse, bevor aus drei Düsen gleichzeitig einmal Milch und zweimal Kaffee ronn. Bei soviel Spaß muss man doch einfach Kaffee trinken!

Keine zwei Wochen nach dieser positiven Überraschung gab es allerdings die nächste, nicht so positive: Die Kaffeemaschine kam so gut an, dass der Konsum das Budget ziemlich belasten würde. Naja, selbstverpflichtende 20p pro Tasse sind immer noch äußerst fair. Auch 40p, wie es weitere zwei Wochen später hieß. Und Kaffee trank ich ja auch nur, weil das manuelle Milchaufschäumen soviel Spaß machte; darin wuchs ich binnen kürzester Zeit zum gebäudeweit anerkannten Experten: Keiner konnte – und kann – so tollen Milchschaum herstellen wie ich! Und so wurden die Kollegen auch mal von mir überrascht.

Tja, das waren nur die ersten Überraschungen. Wieviele denn noch folgen mögen?



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