Umzug in London

Date September 12, 2005 | Map

Jetzt bin ich doch tatsächlich umgezogen. Heute ist Montag – letzten Donnerstag wusste ich noch nicht, wo ich heute sein würde. London ist schnelllebig, vor allem der Wohnungsmarkt.

Dass die Wohnungssuche buchstäblich erst in letzter Minute von Erfolg gekrönt war und einiges an Stress und Nerven kostete, ist durchaus meine eigene Schuld. Auf der anderen Seite funktioniert der Wohnungsmarkt in London etwas anders als der kontinentaleuropäische, nämlich ungefähr so:

  • Beginne deine Suche drei Monate vor dem Umzugstermin, und alle lachen dich aus.
  • Beginne deine Suche zwei Monate vor dem Umzugstermin, und sowohl Makler als private Landlords schicken dich nach Hause.
  • Beginne deine Suche einen Monat vor dem Umzugstermin, und du bekommst vielleicht ein oder zwei Angebote.
  • Beginne deine Suche ungefähr drei Wochen vor dem Umzugstermin, und du hast etwas Auswahl.
  • Beginne deine Suche zwei Wochen vor dem Umzugstermin, und du hast eine große Auswahl.
  • Beginne deine Suche eine Woche vor dem Umzugstermin, und du siehst, dass manche Angebote bereits vergeben sind.
  • Beginne deine Suche drei Tage vor dem Umzugstermin, und du musst das erstbeste Angebot nehmen.

Ich begann meine Suche tatsächlich schon drei Wochen vor meinem feststehenden Auszugstermin…

…und fand zunächst nur Schrott! Es ist unglaublich, was an einer Wohnung alles verkehrt sein kann! Wenn man zur Küche reinkommt und bereits einem Berg seit längerem ungespülten Geschirr gegenüber steht, ein nur halb funktionsfähiges, dreckiges Bad (das einzige) vorfindet und dann noch ein “möbliertes” Zimmer von der Größe zweier Einzelbetten zwischen (normalerweise Zweit-) Klo und Küche präsentiert bekommt, ist das Verlangen, schreiend hinaus zu laufen nur schwer zu unterdrücken. Andererseits kann ein von außen betont hässliches Gebäude innen eine recht nette Wohnung beherbergen. Wenn im einzigen Bad allerdings die Dusche, die man mit fünf anderen teilen soll, schon seit circa zwei Wochen nicht mehr funktioniert, melden sich doch einige Bedenken an.

Für eine zentrale Lage muss man schon einiges hinnehmen. Umso erstaunter nahm ich ein viel versprechendes Angebot nur fünf Minuten von meinem Arbeitsplatz unter die Lupe. 3er WG mit einer britischen Inderin und einer Vietnamesin, Fotos wirkten nett (die der Wohnung, nicht die der Mädels…). Ok, die Inderin war auch nett, aber das Zimmer gab’s entweder mit dazu gemieteter Lounge – immerhin mit Fernseher und Schlafcouch, aber dann teuer – oder nur das Zimmer einzeln; in dem Fall wäre die Lounge an eine vierte Person vermietet worden. Dummerweise musste man durch die Lounge, um ins Zimmer zu gelangen…

Das Haus eines jungen indischen Ehepaars war picobello – die Frau hat eine Putzmanie, wie sie selbst zugab. Die Straße selbst war eigentlich auch ganz niedlich, typische viktorianische Reihenhäuser. Das Zimmer allerdings nur von der Größe zweier queen-size Doppelbetten; wie da noch ein Schreibtisch hätte reinpassen sollen (wurde mir angeboten) bleibt meiner Vorstellungskraft verschlossen, außerdem habe ich mich selbst bei Tageslicht in der Gegend nicht ganz wohl gefühlt. Ach, und weit draußen war’s außerdem. Deshalb war es auch so billig.

Fast hätte ich ja in einem Studentenwohnheim zugesagt. Brandneu, alles modern, tolle Möbel, guter Zustand. Aber die Gegend…nach einigen Hinweisen in Internet-Area-Guides, dass man es unbedingt unterlassen sollte, spät abends alleine die U-Bahn-Station zu verlassen, entschied ich mich dann doch gegen das Angebot. Wäre auch nicht gerade billig gewesen. Zentral schon gar nicht, aber mit guter Verkehrsverbindung. Man kommt schnell weg, will aber auch nicht hin.

Docklands waren ja durchaus mein bevorzugtes Suchgebiet. Ein tolles Angebot war ein Zimmer in einem Haus mit vier anderen Personen, zwei Bäder, ein Extra-Klo, Küche modernst ausgestattet, und das allerbeste: Zum Komplex gehört ein kostenlos nutzbarer Indoor-Swimmingpool mit Whirlpool, Sauna, Gym, Snooker-Tisch, Tischtennis, und was-weiß-ich noch. War wirklich beeindruckend. Das Zimmer war allerdings auch beeindruckend klein. 2m mal 2,40m, wohnen auf noch nicht einmal fünf Quadratmetern…war am Ende besser so, dass das Zimmer jemand anders bekommen hat. Soll der doch die Farbe bewundern, die sich im Badezimmer heftigst von der Wand löste.

Gleich gegenüber eigentlich eine Traum-WG – für Londoner Verhältnisse: Ein Haus mit zwei Bädern, großem Wohnzimmer, großem Winter- und Sommergarten für fünf Personen. Das eigene Zimmer nicht riesig (kleiner als 10qm), aber sehr nett. Vor allem in einer Top-Lage. Allerdings war ich leider nicht der erste auf der Warteliste.

Was ich sonst noch so alles besichtigen musste, hatte irgendwelche Ausschluss-Kriterien: Schlechte Lage, Klo braun statt weiß, Zimmer in Besenkammer-Größe, zeitfressende Verkehrsverbindung, Preis jenseits des bezahlbaren, desolater Zustand der Einrichtung, des Gebäudes oder der Mitbewohner, angsteinflößende Umgebung, und, und, und.

Langsam wurde die Zeit knapp. Am Mittwoch vor meinem Auszugssonntag hatte ich noch eine Besichtigung: Royal Docks, an der Themse, Blick auf Great-Barrier-Park, modernes Haus inklusive Gym, DLR-Haltestelle ab Dezember vor der Haustür, bis dahin 15 Minuten Spaziergang über’s Royal Victoria Dock (was für ein Sonnenuntergang). 3er WG mit britischem, jungen Studenten/Professional-Pärchen. Schönes Wohnzimmer, Balkon, Parkett. Allerdings: kleine Küche (ok), schmutziges Bad (exklusiv für mich, locker putzbar), Möblierung nichts außer Bett, Ledersessel und offener Kleiderständer (kein Schreibtisch, keine Schränke, kein Stauraum), Balkonzugang nur durch mein Zimmer (belieber Fahrrad-Lagerplatz), direkt am City-Airport (zwar nur kleine, aber durchaus laute Propellermaschinen und Jets). Ich besichtigte die Wohnung zusammen mit einem anderen, der am Ende des Tages aber aus Preisgründen einen Rückzieher machte. Mittwoch Abend sagte ich unter Vorbehalt zu – ich wollte noch prüfen, ob ich Council Tax zahlen muss.

Donnerstag passierte dann noch einiges: Ich könnte vielleicht in ein Studentenwohnheim in Greenwich einziehen. Am Nachmittag bekäme ich Bescheid, falls es nicht klappen sollte. Mittags erfuhr ich, dass ich auch in ein Studentenwohnheim in Bloomsbury einziehen könnte! Allerdings zur Corporate Rate. Jetzt hatte ich sogar noch die Wahl: für 150 Pfund die Woche im schönen Bloomsbury mit Halbpension, aber in einem desolaten Zimmer (das Wohnheim soll seit fünf Jahren generalsaniert werden), oder für 125 Pfund im entfernten Greenwich, ohne Halbpension, aber mit eigenem Duschbad und eigener Kitchenette, eine komplette Mini-Einzimmerwohnung – die ich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht gesehen hatte.

Da ich bis zum Nachmittag keine Absage bekommen hatte, unterschrieb ich am Freitag um 9:15 Uhr den Vertrag in Greenwich…ohne das Studio je gesehen zu haben… Am Samstag bekam ich die Schlüssel, am Sonntag zog ich mit einer dreimaligen Bus- und DLR-Tour ganz alleine aus meinem alten Wohnheim aus. Letzteres allerdings nicht, ohne noch einmal ein Blick in das Zimmer meiner bereits abgereisten Ex-Mitbewohner zu werfen. Ein Fehler. Dass sie noch nicht einmal gesaugt oder geputzt hatten, ist ja noch hinnehmbar. Superb’s Zimmer war aber gar nicht superb – dort lag noch Bettzeug herum, Kleidung hing an den wenigen Türklinken, und es sah so aus, als wäre der Raum fluchtartig verlassen worden.

Mein größter Fehler war allerdings der Blick in die Badezimmer. Mein Mageninhalt war bereits auf dem Weg nach oben. Am schlimmsten war das Bad unserer Chinesin – dort hätte ich noch nicht einmal ein Tier seine Notdurft verrichten lassen! Weiß war beim Klo nur schwer auszumachen, Schimmel wucherte gründlich am Vorhang, Waschbecken total verkalkt und dreckig, etc. Au weia. Des Inders Bad war nicht viel besser. Warum gab ich mir eigentlich so viel Mühe beim Auszugsputzen? Da sieht man mal den Deutschen: Ein Zimmer übergibt man besenrein… Jetzt ist mir allerdings klar, warum die Küche immer wie ein Saustall aussah, wenn chinesisch oder indisch gekocht wurde…

Demgegenüber war mein neues Zuhause perfekt sauber – selbst auf dem Schrank konnte ich nicht die winzigste Staubschicht ausmachen. So wohne ich nun im 6. Stock mit Blick auf einen sanierten Council-Flat-Turm und habe beim Verlassen des Hauses einen tollen Blick auf Canary Wharf und die Themse. Besuch kann auf dem Boden schlafen (offiziell max. zwei Nächte pro Woche – streng reguliert), und auch sonst gefällt’s mir ziemlich gut hier – wohnen in London macht Spaß!

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