Rachel Whiteread EMBANKMENT

Date November 12, 2005 | Map

Was für ein ereignisreicher Tag: Nach Friedhofsausflug, Feuerwerk und Futtern auch noch Kunst! Dort waren wir allerdings nur noch zu zweit, weil man einen angebrochenen Abend ja nicht einfach so wegwerfen kann. Und wir sorgten für einen unentdeckten Skandal. Nun, mit ein bisschen Fantasie.


In der riesigen Turbinenhalle der Tate Modern lief gerade die Ausstellung EMBANKMENT von Rachel Whiteread. Ganz viele weiße Kisten in mehreren Haufen; mal streng gestapelt und ordentlich, mal chaotisch, mal ganz hoch, mal nur zwei, drei Lagen. Insgesamt wohl so um die 14.000 Plastikkisten.

Zunächst erforschten wir ein wenig die Kistenskulptur von unten. Laut Beschreibung sollte sich ein mysteriöses Gefühl einstellen, das Neugier auf den Inhalt der Kisten wecken würde. Das war bei uns nicht der Fall, wir betrachteten lieber das große Ganze, das heißt die enstandenen Gebilde, die wir dann von der Brücke etwas länger beobachteten.

So lange, bis mir schlagartig klar wurde, was die Aussage war: Jeder der Stapel stellte eine Metapher eines Lebens dar: Manche Menschen leben streng geordnet, und alles hat seinen Platz. Das Leben anderer ist eher chaotisch, wild und durcheinander. Hatte man diese Metapher erst einmal angenommen, eröffneten sich weite Aussichten: Welche Lebensorganisation war die stabilste, die vielversprechendste, die interessanteste? Interessant war, dass die mit Abstand höchsten Haufen eher chaotisch, jedoch nicht vollkommen durcheinenander strukturiert waren – muss man wild und ungestüm mit nur einem Mindestmaß an Kontrolle ausübend sein, um hoch hinaus zu wachsen und die Welt um sich herum klein aussehen zu lassen? Waren die geordneten Haufen mit Absicht nah beieinander in einer eher langweiligen Ecke platziert? Und so entdeckten wir Leben, die von außen klar wirkten, innen aber hohl waren, genauso wie ganz flache, völlig zerbrochene und durcheinandergewürfelte. Geordnete mit nur kleinen Ausbrechern, sowie eine unstabile Basis, auf der sich eine Ordnung erhob. Und so versuchten wir, unsere Leben einem Haufen in der Halle zuzuordnen.

Meine Begleiterin war anfangs nicht ganz von meiner Metapher überzeugt, sah sich dann aber doch in einem unspektakulären, aber unaufgeräumten Stapel. Und sie war es, die auf die Idee kam, dass man sein Leben doch verändern könne. Also gingen wir zu den Haufen hinunter und wollten herausbekommen, ob die Kästen fixiert waren.

Waren sie nicht. Und was zunächst mit kleinen, vorsichtigen, millimetergenauen Richtigstellungen begann, wandelte sich zu etwas größeren Umordungen. Wir waren nicht so mutig, Boxen von einem Haufen auf einen anderen zu versetzen, aber einige Kisten wechselten doch deutlich ihre Position. Und es sah auch gleich viel besser aus!

Befriedigt und wohlwissend, unsere Leben nun selbständig zurechtgerückt zu haben, spazierten wir unschuldig aus der Turbinenhalle hinaus, ohne auch nur annähernd von Wachpersonal begleitet zu werden, und genossen den ausklingenden Abend an der Themse. Kunst zum Anfassen, ob nun so beabsichtigt oder nicht.

 


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